Sandra Schink

30 Jahre mit der Kamera (3): Andi Vieweg. Das letzte Bild gilt Dir.

Zufall, Neugier und ein bisschen Wut ließen mich 1989 in der Fotoredaktion der BILD-Zeitung in Düsseldorf landen. Er war der Grund, dass ich blieb: Andi Vieweg war mein erster Fotochef. Ein Rückblick.

Ich war 18, hatte gerade meine Lehre als Fotolaborantin abgeschlossen, war von meinem Abstecher zum Zirkus zurück, und ein Zufall wehte mich in die Fotoredaktion der BILD-Zeitung. Eine Aushilfslaborantin wurde gesucht für die Zeit, in der Marlies in ihrem verdienten Urlaub weilte. Fünf gut bezahlte Wochen in einer Redaktion, die ich nur kennenlernen wollte, weil ich dort die Witwenschüttler von einst wähnte und ihnen einige Fragen stellen wollte. Verlockend.

Andy ViewegStatt dessen traf ich dort auf Andi. Andi war der Fotochef. Und Andi sorgte dafür, dass ich bleiben wollte. Und immer wieder auch dafür, dass ich bleiben durfte. Andi war ein Herzensmensch.

Die ersten Tage im Labor der Fotoredaktion waren aufregend und manchmal etwas ernüchternd. Trotz zeitsparender Fotoentwicklungsmaschine brauchte ich oft viele Anläufe, bis die Abzüge den richtigen Ausschnitt, die richtige Gradation, die richtigen Stellen nachbelichtet oder abgewedelt hatten. Andi verlor nie die Geduld. Wenn es nötig war, stand er neben mir am Vergrößerer in der Dunkelkammer und gab mir Tipps, zeigte mir die besten Kniffe und Methoden, erklärte mir, warum die Abzüge für die Übertragung per DFÜ härter sein mussten als jene, die nachmittags vom Fahrer von Düsseldorf ins Druckhaus nach Kettwig geholt wurden.

„Bring Deine Kamera mit.“

Andi ermutigte mich auch, meine alte Canon A1 mit in die Redaktion zu bringen. Manchmal kam es vor, dass alle Fotografen der Bildredaktion auf Terminen waren – und sie waren nicht erreichbar. Waren sie nach der Terminvergabe nach der morgendlichen Konferenz  einmal unterwegs, konnte man ihnen nur neue Termine geben, wenn sie sich selbst zwischendurch meldeten: Von einer Telefonzelle zum Beispiel. Smartphones gab es nicht. „Da ist es dann gut, wenn notfalls noch jemand da ist, der eine Kamera bedienen kann.“ sagte Andi. Also brachte ich meine Kamera mit. Und versemmelte gleich meinen ersten wichtigen Fotoeinsatz. Ich war sicher, niemals wieder einen Fototermin zu bekommen.

Als Marlies wieder da war und mein Job im Labor vorbei, durfte ich trotzdem bleiben. Als Nachwuchsfotografin. Einige der anderen Freelancer-Kollegen waren nicht amüsiert. Eine Fotografin mehr bedeutete die Neuaufteilung des Terminkuchens. Und ich war sicher nicht die talentierteste, krebste zudem mit meiner Canon A1 und lichtschwachen Objektiven rum. Bis ich genug Geld zusammen hatte, um mir endlich auch eine Nikon F3 HP zu kaufen. Mit Nikon fotografierten fast alle. Und so gab es viele Objektive in der Redaktion, die ich mir bei Bedarf ausleihen konnte. Mein erstes eigenes Nikon-Objektiv schenkte mir Andi: Ein 25-50mm, f/4.0. Auch kein Lichtwunder. Aber meins. Ich habe es heute noch.

„Wir heißen BILD, nicht Text.“

HerzensmenschAndi vermittelte mir die Kunst, eine ganze Geschichte in einem einzigen Bild zu erzählen. „Wir heißen BILD, nicht Text.“ war ein geflügeltes Wort in der Redaktion. Manchmal gab es darüber Uneinigkeit zwischen den „Knipsern“ und den „Tintenklecksern“, manchmal war der Ton unter den Kollegen barsch. Bei Andi konnte ich mich ausheulen, wenn etwas nicht gut gelaufen war. Dann machte er mit Mut, flachste mit mir rum, erzählte Anekdötchen die darauf hinwiesen, dass auch die anderen Kollegen ihr Können nicht mit der Muttermilch eingesogen hatten. Und brachte mich zum Lachen.

Als Freelancer mussten wir unsere Filme eigentlich selbst bezahlen. Aber Andi schusterte mir manchmal die guten T-MAX-Filme zu, die mit dem Schrumpelkorn, das ich bis heute liebe – auch weil Andi es liebte. Um Filme zu sparen gab er mir den Tipp, zwei oder gar drei Termine auf einem Film zu belichten. Also konzentrierte ich mich bei Terminen darauf, nie mehr als zwölf Fotos zu machen. Und wenn ich meine Jobs mit noch weniger Fotos schaffte, blieben zum Schluss immer noch ein paar Auslösungen übrig, um in der Fotobude die Kollegen zu fotografieren, denn ich hasste es, Film unbelichtet zu verschwenden. Nicht selten galt mein letztes Bild auf einem Film Andi.

Fels in der Brandung

Andi war mein Fels in der Brandung. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen, auch ins Private hinein. Als mir auf der Kö ein Auto in meinen gerade von Opa gesponserten Corsa gerauscht war, war er es der meine Ma anrief und sagte: „Liebe Frau Vogels, Ihrer Tochter geht es gut.“ Um ihr dann schonend beizubringen, was passiert war.

Wenn ich es nach Abendterminen und Parties in Düsseldorf nicht über den Rhein nach Hause schaffte, hatte ich eine Liege in Andis Wohnzimmer-Studio in Bilk. Und er stellte auch dann keine Fragen, wenn ich dort nicht alleine aufwachte.

Später, als ich in anderen Redaktionen in den damals neuen Bundesländern arbeitete, hatte ich weniger Glück mit meinen Fotochefs. In Leipzig hörte ich zum Beispiel häufig, ich könne nichts, ich würde es nicht kapieren, aber ich bekam keine konkreten Informationen was genau falsch sein sollte an meinen Fotos. Zumal sie von den Layoutern gerne eingesetzt wurden, ich häufig Seitenaufmacher hatte: Den Fotochef konnte ich nie zufrieden stellen. Auf die Idee, dass das am Andi ViewegFotochef liegen könnte, kam ich damals nicht. Ich versuchte besser zu werden – und erinnerte mich immer an Andis Worte: „Wenn Du nicht zufrieden bist, wechsle Deine Perspektive. Nimm einen anderen Standpunkt ein. Auch innerlich.“ Manchmal schaffte ich es dann, selbst den Leipziger Fotochef zufrieden zu stellen.

Als ich zurück nach Düsseldorf kam, einen neuen Redaktionsleiter in der Düsseldorfer Redaktion antraf, da war es auch Andi, der sich dafür aussprach, mich wieder ins Team zu holen. Und später, als ich BILD nach 2,5 Jahren verließ um mein Volontariat beim Jahreszeitenverlag zu machen, hielten wir den Kontakt. Er ist nie ganz abgebrochen, und dank Facebook in den letzten Jahren wieder enger geworden, auch wenn ich in Hamburg lebte und er in Düsseldorf.

Danke Andi.

Im Mai ist Andi gestorben. Die Nachricht erreichte mich in einer persönlichen Lebenskrise und gab mir den Rest. Außer hilflose Worte auf die Nachricht bei Facebook und ein trauriges Smilie konnte ich bis dato nichts tun. Es ist immer noch unwirklich. Zur Beerdigung konnte ich nicht fahren. Und auch heute habe ich keine Zeit. Eigentlich.

Doch heute habe ich mir diese Zeit genommen. Die alten Ordner auszupacken mit den verstaubten Schwarzweiß-Negativen und Kontaktbögen aus dieser Zeit, um sie nach „letzten Bildern“ auf meinen Filmen zu durchforsten. Ich habe Andi oft gefunden, nicht nur in diesen letzten Bildern, auch in vielen meiner Geschichten, die ich nur so erzählen konnte, weil Andi an mich geglaubt hatte.

Ich wünsche jenen jungen Fotografen, die es heute noch wagen beruflich der Fotografie nachzugehen, einen Wegbegleiter und -bereiter wie Andi. Jemanden, der Euch fordert und fördert. Auf den Ihr Euch verlassen könnt. Und der an Euch glaubt.

Danke Andi. Du bleibst unvergessen.

Letzte Bilder

Diese Fotos entstanden 1989-1991 in der Fotobude der Düsseldorfer BILD-Redaktion, Kö 1. Für mich war es eine besondere Zeit, ein Aufbruch in neue Abenteuer, der wirkliche Anfang meines Lebenswegs mit der Kamera in der Hand. Liebe Kollegen, ich danke Euch allen für diese Zeit.

Für Barbara. Für Max.

9 Comments

  • Michael Santen

    Wunderbar, Sandra. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
    LG, Michael

    • Sandra

      Danke Michi. Es gäbe noch so viel mehr über ihn zu schreiben. Er bleibt im Herzen. Immer.

      • Michael Santen

        Das stimmt. Einer der großartigsten Kollegen, die ich je hatte. Auch jenseits der Redaktion.
        Aber wer, bitte, ist Michi??

  • Sandra Schink

    Michi Santini. Dein Alter Ego

    • Michael Santen

      Santini ist akzeptiert….. ;o)

  • Barbara

    Liebe Sandra,
    Alles was du erzählst ist Andi. Er war mit Leib und Leben Fotograf. Das war sein Lebensinhalt. Junge Leute auf den Weg zu bringen. Ihnen eine Chance zu geben. Ein Mensch mit Herz, der oft vom System herzlos behandelt wurde. Als uns der Trauerredner fragte, wenn wir über seine große Liebe zur Fotografie redeten, wie er als Privatmensch war, sahen Max und ich uns an, und meinten: „genau so“. Ein Herzensmensch. Unverstellt. Gutmütig. Verlässlich. Als Kollege wie als Familienvater. Wir sollten seinem Beispiel folgen.
    Danke Sandra

    • Sandra

      Liebe Barbara,
      ich bin sehr berührt über Deine Worte. Ich war so traurig, als ich diesen winzigen lieblosen Nachruf bei BILD gelesen habe, und es war mir wichtig von Andi zu erzählen, so wie ich ihn erlebt und empfunden habe. Ich hab ihm so viel zu verdanken, er war wegweisend für mich für alles was danach kam. Und auch Du warst Teil davon. Es gäbe noch so viel Gutes und Warmes und Herzliches zu erzählen, was hier aber nicht hingehört. Fühl Dich umarmt. Im August werde ich in Düsseldorf sein. Vielleicht magst Du einen Kaffee mit mir trinken?
      Herzliche Grüße.
      Und ja, ich hoffe, dass ich etwas von seiner guten Energie, die er mir mitgegeben hat, weitergegeben habe an andere.

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